Das Bild des Schweißtuches der heiligen Veronika in der Buchholzer Stadtkirche

(Von Pfarrer Gerhard Satlow.)

 

Anläßlich der Dürergedenkwoche ist die Aufmerksamkeit vieler auf die berühmten Altarbilder in der Buchholzer Kirche gerichtet worden. Man behauptet in ihnen Bilder von Michael Wohlgemut, dem Lehrer Albrecht Dürers, zu besitzen. Was hat es mit diesen Bildern und ihrem Schöpfer auf sich?

Eingehende Untersuchungen über diese Fragen hat Dr. Richard Mauke angestellt und sie in einem Vortrage im Buchholzer Geschichtsverein am 20. Januar 1914 mitgeteilt. Der ganze Cyklus von zwölf Bildern war für den Hochaltar der Kirche des Franziskaner-Barfüßer-Klosters zu Annaberg gemalt. Nach der Einführung der Reformation im Jahre 1539 wurde das Kloster geschlossen, seine Kirche von Philipp Melanchthon evangelisch geweiht. Die Altarbilder wurden vielleicht damals schon aus der Kirche entfernt. Später wurden sie der noch schmucklosen Buchholzer Kirche durch Vermittlung der Witwe Kurfürst Christians I. (1586 bis 1591) geschenkt. Sie wurden dadurch vor dem Untergang bewahrt. Denn bei dem großen Brand vom 27. April 1604 wurde auch das Kloster in Annaberg ein Raub der Flammen. Im Buchholzer Gotteshause wurden die Bilder am 18. Mai 1594, am Sonnabend vor Pfingsten, aufgestellt. Vorher hatte man die Bilder, die für das evangelische Bewußtsein als störend empfunden wurden, übermalt. Es wurden biblische Personen und Szenen darauf gemalt. Diese Uebermalung wurde auf Veranlassung und mit Zuschuß des Prinzen Johann, des nachmaligen Königs, im Jahre 1840 wieder entfernt, sodaß die Bilder heute wieder die ursprünglichen Personen zeigen.

Von wem rühren nun die Bilder her? Von vornherein sei es gesagt. Man kann es nicht mit Sicherheit sagen, wer der Künstler gewesen. Ohne Zweifel sind die Bilder aus einer bedeutenden Künstlerhand des angehenden 16. Jahrhunderts hervorgegangen. Darauf deuten besonders die schönen Köpfe. Wie eindrucksvoll ist der Christuskopf im Schweißtuch der Veronika, der Beschauer sieht große strenge Augen, einen edlen Mund, zart ausgeführtes Bart- und Kopfhaar. Auch Veronika, die das Tuch hält, ist von edler Schönheit.

Man hat lange Cranach, den Hofmaler Kurfürst Johann Friedrichs des Großmütigen als Schöpfer der Bilder genannt. Aber es fehlt auf den Bildern alles, was den Cranachschen Bildern eigentümlich ist. Auch sein Malerzeichen, eine geflügelte Schlange, ist nicht zu finden. Ein anderer Forscher, Johann Gottlob Quandt aus Leipzig, der Sohn des aus der Völkerschlacht bekannten Besitzer der Quandtschen Tabakswindmühle, schreibt die Bilder dem Schwaben Schäufelin in Nördlingen, einen Schüler Albrecht Dürers zu. Ein dritter Kunstgelehrter meinte, der ältere Holbein aus Augsburg habe die Bilder gemalt. Endlich haben mehrere Forscher (Dittrich, Steche) gemeint, sie seien aus der Schule Michael Wohlgemuths, des Lehrers Dürers, hervorgegangen.

Endlich hat Dr. Flechsig, Direktor des Museums in Braunschweig, 1897 neue Forschungen über die Buchholzer Bilder angestellt. Er hat endgültig mit der Verfasserschaft Cranachs gebrochen und die Bilder auch nicht in sein Sammelwerk von etwa 70 Cranachbildern aufgenommen. Er hat dann den Ertrag seiner Nachforschungen in einem Werk veröffentlicht. Es hat damals in Zwickau eine Reihe von tüchtigen Malern und Bildschnitzern gegeben. Auf vielen berühmten Bildern in Annaberg, Zwickau und anderwärts findet sich das noch nicht völlig geklärte Monogramm H. H. oder H. J. Diesem Meister H. J. meint Flechsig, seien auch die Buchholzer Bilder zuzuschreiben. Der ornamentale Schmuck der Gemälde, der in früherer Zeit noch nicht vorkomme, spräche für die Entstehungszeit nach 1521. Als Ort der Entstehung käme außer Zwickau auch Annaberg in Frage. Wahrscheinlich sei unser Meister auch der Maler der kunstvolleren mit Schnitzwerken verbundenen Altäre im Erzgebirge. Des Malers Heimat sei nicht Zwickau und Annaberg, vielleicht sei er von Köln ins sächsische Land gekommen. Es sei mancher niederländische Zug in seinen Bildern zu finden.

In der sächsischen Malerei seiner Zeit stehe er mit in erster Linie. Das Altarwerk des Annaberger Klosters, das nun in Buchholz sich befindet, sei seine reifste Schöpfung.

Die Bekrönungsgemälde sind nach der Meinung der Kunstgelehrten von einem anderen Meister geschaffen als die Flügelbilder. Der Kopf des Heilands im Schweißtuch der Veronika ist von ergreifender tiefer Wirkung. Links und rechts in der Bekrönung sind Jesajas und Salomo dargestellt, umgeben von einem Band, auf dem ein Ausspruch steht, der sich auf Maria, die Himmels Königin, bezieht. Diese ist auf dem Mittelbild dargestellt, umgeben von dem heiligen Georg, dem Drachentöter, und Franziskus, dem Stifter des Franziskaner-Ordens, zu dessen Füßen seine Schülerin Clara v. Sciffi kniet. Die vier Außenflügel des Altarbildes stellen die 4 Kardinaltugenden des Christen in Bildern aus der Heiligengeschichte dar: die Klugheit (Barbara), die Mäßigung (Hieronymus), die Gerechtigkeit (Margaretha) und die Stärke (Christophorus).

Quelle: Erzgebirgische Heimatblätter Nr. 18 - Sonntag, den 29. April 1928, S. 1 - 2.