Das Haus des Tischlermeisters Franz Schödl im alten Buchholz.

Tischlermeister Franz Schödl – wieder einer von den ganz Alten, einer aus der Zeit des Leßig-Franz, einer, auf den sich nur unsere ganz alten Buchholzer besinnen werden. Welches Handwerk er betrieb, das wird uns sofort aus der Abbildung in unserem Heimatblatt erkenntlich. Die langen Bretter, die links neben der Haustür an der Wand aufgestellt sind, verraten es uns: der alte Schödl-Franz war ein Tischler seines Zeichens, ein ehrbarer Handwerker, dessen Name überall in der Stadt geachtet wurde. Möbel aller Art mit kunstvollen Drechseleien fertigte der alte Meister, Möbel, die zwar heute nicht mehr in unsere moderne, gerade Linie, in unsere neue „Sachlichkeit” passen würden, die aber viel Geschick und Kunstfertigkeit von ihrem Meister forderten. Dabei war Schödl-Franz einer vom Schlage „Hans Sachs”, einer, dem bei frohem Lied die Arbeit am besten von der Hand ging. Wahrlich, in der alten Tischlerwerkstatt war oft ein Leben, ein Singen und Klingen, daß man seine Freude haben konnte. Wie das wohl kam: Nun, man muß wissen, daß in den 60er Jahren von den Hausbesitzern „eine 4tägige” – wie man sagte – „Reiheschank” übernommen worden war, und daß auch in dem Hause des Tischermeisters Schödl zweimal in der Woche in der Werkstatt Bierabende abgehalten wurden. Gegen 9 Uhr abends stellten sich die wohllöblichen Bürger mit ihren Tabakpfeifen ein, um beim Gläsel einfachem Bier zu „diskurieren”. Zwei bis drei Rüböllämpchen sollen die Werkstatt, in der hübsch sauber aufgeräumt war, nur spärlich beleuchtet haben. Was würde bei dem furchtbaren Qualm aus den Tabakspfeifen eine hellere Beleuchtung auch für einen Zweck gehabt haben? Dafür ging es aber lustig und fröhlich zu – oft bis zur frühen Morgenstunde. In der alten guten Zeit kannte man keine Polizeistunde. Die Straßen waren zudem so schlecht beleuchtet, daß man gern den Morgen abwartete, um sich nach Hause zu finden. Das alte Schödl-Haus diente freilich nach solch fröhlichen Stunden auch ernster Arbeit. Meister Schödl war ein fleißiger Mann. Seine geschickte Hand brachte ihm manchen Silberling ein. In seiner Werkstatt wurde auch die Sonntagsschule von 10 bis 12 Uhr und nachmittags von 1 bis 3 Uhr abgehalten. Der Meister erteilte den Zeichenunterricht. – Schödl-Franz war ferner ein eifriger Förderer der Schnepperschützengesellschaft. Wie manche Armbrust ist in seiner Werkstatt vollendet worden, wie manche Sehne hat der Meister gespannt. Die Schnepper der Buchholzer Schützen waren als besonders stark bekannt. Der Vogel, nach dem sie schossen, mußte besonders fest gebaut sein. Meister Schödl wußte das und fertigte sie danach an. Mit wunderbar bunten Farben wurden die Vögel bemalt und die Schuljugend sah dem eifrigen Meister oft bei der Arbeit durch das niedrige Fenster zu. Es geschah einst, daß die Buchholzer Schnepperschützen nach Sehma geladen waren. Ein Buchholzer Bogenschütze schoß nach dem Vogel und siehe da, der große schöne Vogel fiel in zwei Teile von der Stange herab. Welch einen Schrecken und welch einen Jammer hatten die Buchholzer den Sehmaern eingeflößt. Aber Meister Schödl wußte schon, die Buchholzer Schnepperschützen-Vögel mußten von seiner Hand gebaut sein, wenn sie halten sollten. Solche und ähnliche Episoden knüpfen sich an das Andenken des alten braven Tischlermeisters Schödl. – Ueber dem Haus des Meisters lag aber in allen Dingen schützend Gottes Hand. Bei dem großen Buchholzer Brand 1852 blieb das Haus des Tischlermeisters Schödl unversehrt. Das auf unserem Bilde weiter sichtbar werdende Haus ist das Martin-Häuschen. Es wurde ein Raub der Flammen. Dabei soll wohl der Giebel des alten Schödl-Hauses mit in Brand geraten sein, der Brand konnte aber rechtzeitig gelöscht werden, stand doch dem Schödl-Haus gleich gegenüber das kleine Spritzenhäuschen, welches wir in Nr. 16 unserer Heimatblätter abgebildet hatten. Vor diesem standen immer Feuerlöschkübel bereit. Unsere kürzlich an dieser Stelle veröffentlichte alte Buchholzer Feuerlöschordnung gab ja eingehend über alle Einzelheiten im Falle eines Brandes Aufschluß.

Unsere Leser werden nun auch wissen, an welcher Stelle das alte Schödl-Franz-Haus gestanden hat. Es stand dort, wo heute das stattliche Gebäude des Schuhmachers Schöniger steht. Es lag also an der jetzigen Neugasse (Ecke Schlettauer Straße), die früher ein kleiner Weg war, der nach Einäscherung des hier erwähnten angrenzenden Martin-Häuschens entstanden ist. Es stand dem Bäcker Franz-Haus (jetzt Garten Müller und Berthold) gegenüber. Ein Stück Alt-Buchholz wird jedenfalls auch beim Anblick dieses Bildes in uns wieder lebendig. Und das ist und bleibt ja der Zweck unserer erzgebirgischen Heimatblatt-Beilage.

Quelle: Erzgebirgische Heimatblätter Nr. 20 - Sonntag, den 13. Mai 1928, S. 1