Die gute, alte Zeit!

Eine dichtgedrängte Menge wartete ungeduldig in der offenen, winddurchwehten Halle auf die Ankunft des Zuges. Man hörte schon in der Ferne sein dumpfes Keuchen, – – – noch ein paar lange Minuten, dann sauste polternd die schwere Maschine in die Halle hinein.

„Achtung, zurücktreten!” – – Und die Menschenmasse ebbte einige Schritte heraus aus dem Bereich der Gefahr, um dann aber gleichsam wie eine Springflut auf alle Türen des Zuges loszustürzen. „Erst aussteigen lassen”, mahnte, schrie und zeterte es an allen Enden, aber endlich war doch der schwierige Austausch vollzogen.

Groß und Klein, Arm und Reich, so saßen sie endlich – je nach ihrer Börse – weich und hart auf ihren Plätzen. Einem wohlbeleibten älteren Ehepaar, das sich unter den Einsteigenden befand, machte scheinbar alles ganz besonders viel Verdruß, aber endlich hatten doch auch sie schließlich atemlos und schnaufend einen Platz eingenommen.

Räsonierend glättete der Mann seinen zerknitterten Bratenrock und befühlte seine Uhrkette – die ein kunstvolles Geflecht ausgekämmter Haare aus den Brautjahren seiner ersten Frau war – ob sie auch nicht im Gedränge zerrissen sei. Dann sagte er mit erregter Stimme: „So ein vordringliches junges Volk”, und sah sich nach seiner Gattin um, die ihrerseits, mit gerötetem Gesicht aus zornigen Augen Blitze nach rechts und links schleudernd, erwiderte: „Die haben keinen Respekt mehr vor älteren Leuten, wie unsereines – – –.”

„Ja, ja, das war früher ganz anders.”

Und dann wieder rief sie – tief seufzend: „Ach! die gute, alte Zeit –.” Dabei schob sie den schwarzen Hut mit der großen echten Feder in den Nacken, ihr fleischiges Gesicht nun erst richtig den Blicken freigebend.

Im Wagen kicherte es unter den Bubiköpfen, kurzen Röcken und bunten, zierlichen Schuhen; aber unbeirrt, wie im Selbstgespräch, fuhr die Vertreterin der guten, alten Zeit fort: „Nein, die Jugend von heute hat gar keine Erziehung mehr, so ein Betragen hätte sich unsereins nicht erlaubt.”

„Ja, keine Erziehung mehr,” echote der Mann, seine dralle Weste mit der linken Hand glättend, während seine Rechte eine dicke Zigarre aus der Brusttasche zog, „das war doch früher so ganz anders. Freilich so schnell, wie man heute durch das Land dahin saust, ging es damals auch nicht, das muß man schon sagen. Die alte Postkutsche schaukelte gemütlich durch das Tor. Immer nur bestimmte Strecken fuhr man mit den Pferden, dann wurde umgespannt. Jeder Postillion hatte seine bestimmten Pferde. Es war klar, daß im Laufe der Zeit der Postillion mit seinen Pferden völlig eins wurde und daß jedes Tier seinen Fahrer kannte und zutraulich zu ihm war. Ich habe in meinem Leben wirklich keinen Postillion gesehen, der nicht liebevoll oder gar hartherzig gegen seine Pferde gewesen wäre. Freilich haben wir viele schöne Stunden und Tage auf diesen Fahrten gehabt. So mancher Witz wurde von den Mitreisenden gemacht, und wenn das Gespräch nicht mehr recht vorwärts gehen wollte, so wurde eben schließlich die Postkutsche mit samt dem Postillion in verzerrtem Bilde dargestellt und sich darüber nach Herzenslust ausgelacht. Wenn dann an schönen Frühlings- oder Sommertagen man den Berg herab in irgend eine Stadt oder ein Dorf fuhr und der gelbe Schwatzer dann sein Posthorn zu einem Liedlein ansetzte, da wußte ich ganz genau, daß nicht nur die Mitreisenden, sondern auch der unten im Tal liegende Ort aufhorchte und sich freute, daß wieder Post kam. Warum könnte nicht heute noch ein so neumodischer Postchauffeur das Posthorn blasen?”

Man gab dem guten Alten vollständig recht.

Quelle: Erzgebirgische Heimatblätter Nr. 19 - Sonntag, den 6. Mai 1928, S. 1 - 2.