„Gib mir, mein Sohn, Dein Herz!”

Unserer erzgebirgischen Jugend zum Palmsonntag gewidmet.

Wenn wir heute zu Palmarum das Titelbild unseres „Erzgebirgischen Heimatblattes” nach der Zeichnung des frommen Malers Ludwig Richter betrachten, so werden wir des tiefen Gedankens inne, der dem Palmsonntag seine Weihe gibt. Wie viele junge Menschenkinder stehen morgen in den Kirchen unserer erzgebirgischen Heimat vor Gottes Altar, um dort ihr junges Herz zu weihen. Sieh da – den frommen Schäfer auf dem Felde. Palmensonntagsmorgen ist – Gottvater selbst ist über das Land gegangen. – Da geben die ersten Blümlein ihren Duft, die Lerche hoch oben in der Luft singt ihr Loblied – und du, Menschenkind – was gibst du denn an solchem Palmensonntagsmorgen deinem Herrn und Schöpfer? – „Gib mir, mein Sohn, Dein Herz!”, so klingt da ein frommes Bibelwort in den Palmensonntag hinein. Und wie auf dem Bilde inmitten seiner Herde der junge Schäfer auf die Knie fällt und betend die Hände faltet, so knien auch morgen unsere Buben und Mädels vor Gottes Altar, knien und beten und sind ganz im Banne des Palmensonntagsglückes.

Zu solchem Palmensonntagsglück gibt u. a. der Diakonus und Stiftsprediger zu Sangerhausen Ernst Hermann Kötzschke in seiner Konfirmantenpredigt einen wertvollen Text, von dem wir unseren Lesern zur Erbauung über den Wert und Inhalt des Palmsonntags einen Teil nachfolgend wiedergeben:

So freue Dich denn, Jüngling und Jungfrau, in Deiner Jugend, und laß Dein Herz guter Dinge sein in Deiner Jugend. Tue, was Dein Herz gelüstet und Deinen Augen gefällt. Man sagt wohl, die Schulzeit ist die schönste Zeit; darin liegt viel Richtiges. Da steht man inmitten eines Schülerkreises, der Leiden und Freuden mitträgt; da sorgen treue Eltern für Leib und Leben, da ist die Zeit des harmlosen, fröhlichen Spiels. Aber schön ist die ganze Jugendzeit, schön darum, weil sie die Zeit des Wachstums ist. Das Ackerfeld ist nirgend schöner, als wenn es mitten im Wachstum steht, wenn von Tag zu Tag die Halme höher schießen; die Blume ist am schönsten, wenn sie zur Knospe sich entfaltet. In der Jugend, da bringt das Leben fortwährend neue Bilder; da zeigt sich das Leben fortwährend von einer andern Seite; da entdeckt der Geist immer neue und herrlichere Wahrheiten, da wächst die Kraft, zu schaffen und zu arbeiten, von Jahr zu Jahr. Und so dürft auch Ihr frohlocken, daß Ihr das Leben von einer ganz andern Seite kennen lernen werdet als bisher, daß Ihr ein jeder eintreten werdet in einen Beruf, wie er grade dem Herzen gelüstet und den Augen gefällt, der Euch einen kleinen Teil aus dem großen Prozesse zeigen wird, in welchem die Menschheit das Herrenwort verwirklicht: „Machet die Welt euch untertan”, in einen Beruf, der auch selbst wieder oftmals in sich einen großen Zusammenhang wirkender Kräfte bildet, in dem Ihre als unscheinbare Glieder in der großen Kette erfahren werdet, wie durch kleine Leistungen mit vereinten Kräften Großes geleistet wird. Und wenn Ihr gelernt habt, über Wenigem treu zu sein, werdet Ihr über Mehr gesetzt werden. Ihr werdet wachsen, wir hoffen es zu Gott, auch im Verständnis Eurer Berufstätigkeit, sie anzusehen als eine Arbeit für das Wohl der Menschheit, für das Reich Gottes, dem zu dienen ein jeder verpflichtet ist, er habe von Gott viel oder wenig empfangen. Ihr dürft Euch freuen, daß man Euch schon jetzt und je länger, um so größere Freiheit einräumen wird, zu tun, was Eurem Herzen gelüstet und Euren Augen gefällt, daß man Euch das Zutrauen schenken wird, selbständiger Eure Wege zu gehen und nach Eurem eigenen Befinden zu wählen zwischen dem, was gut und böse ist. Ja, es liegt eine hohe Seligkeit in dem Gefühl, mit den eigenen Augen zu sehen, mit den eigenen Schultern zu tragen, mit den eigenen Händen zu greifen, mit der eigenen Person vor Gottes Angesicht treten zu dürfen: Herr, ich will meine Gabe in Deinen Dienst stellen; nimm mich, wie ich bin, und stärke meine Kraft. Es ist das Sichregen der Kraft des Vogels, der zum Fluge sich anschickt. Aber – das ist der Schlußton unseres Textes – wisse, daß Dich Gott um alles dieses vor Gericht führen wird. Es gibt eine Freiheit, die eine Freiheit zur Sünde und zur Bosheit ist. Und wer will es leugnen, daß heute viele einer solchen Freiheit nachjagen, welche sich auflehnt gegen jegliche Ordnung, gegen Zucht und Sitte, daß viele den Konfirmationstag benutzt haben, um von nun an langsam, aber sicher die Saat, die in sie gepflanzt ist, zu vernichten, um das Gegenteil von dem zu befolgen, was Lehrer und Geistliche ihnen als hoch und heilig und erstrebenswert vorgehalten haben? Mit Stimmen der Sirenen wird man es Euch in die Ohren rufen: Die Geistlichen mißgönnen Euch die Freiheit, weil ihr Stand ihnen selbst einen gewissen Zwang auferlegt; Eure Lehrer haben so geredet, weil es ihr Beruf und ihr Geschäft war; Eure Eltern sind alt geworden und haben ihrer eignen Jugendlust vergessen. Man wird Euch sagen, wer die Jugend nicht genösse, der würde im Alter noch zum Kinde. Früher war die Schlange noch recht harmlos, da sie die Eva mit den Worten zum Unglauben verführte: Sollte Gott gesagt haben. Heute erhebt sie frecher ihr Haupt, heute sagt sie: Einen Gott gibt es nicht, denn man kann ihn nicht sehen. Eure Augen werden aufgetan und Ihr werdet sein nicht wie Gott, sondern wie das vollkommenste der Tiere.

Ich habe es Euch zuvor gesagt, daß Ihr, wenn es geschieht, daran gedenket, sagt der Heiland. Also sage ich auch Euch, liebe Kinder. Mancher von uns Älteren hat ja vielleicht auch in der Jugend anders gedacht, als er heute denkt, und hat Verlockungen Raum gegeben. Aber weil ihr, durch böse Erfahrungen belehrt, in so mancher Stunde bitterer Reue an die Wahrhaftigkeit der göttlichen Drohungen und Verheißungen haben glauben lernen, darum ist unsere Bitte um so dringlicher, unser Erbarmen mit Euch um so inniger, unser Herz für Euer Wohl und Wehe um so brennender; wisset, daß Euch Gott um alles dieses vor Gericht führen wird. Die Straßen der Freiheit sind golden, und herrliche Blumen blühen an ihrem Wege, aber nur für den, der sich gebunden fühlt an Gott. Und diese Gebundenheit an Gott ist kein schweres Joch; das Band ist so leicht und doch so fest, daß man es stets lose um sich fühlt. Die Jugend denkt so oft in kindlicher Weise: einmal ist keinmal, ein wenig wird mich Gott schon ungestraft sündigen lassen. Liebe Kinder, Gott wäre nicht heilig, wenn er es täte. Nach jeder Sünde werdet Ihr ein Gericht Gottes empfinden. Laßt Euch dies Gericht eine Warnung sein; verhärtet Euch nicht dagegen, sondern kehret um, kehret um, ehe Ihr zu große Umwege zurück tun müßt. Ja, wisset, daß Euch Gott und alles dieses vor Gericht führen wird. Der Knabe träumt so gern von Siegen und Ehren. Nun, laßt das Eure größte Sorge sein, daß Ihr in den Kämpfen, die unsre Zeit wahrlich genug Euch stellen wird, Euch bewährt als Streiter Gottes, die festbleiben in der Wahrheit des göttlichen Wortes, tapfer gegen Lüsternheit jeglicher Art, treu in der Liebe gegen jedermann, am meisten gegen die Schwächeren und Ärmeren, ausharrend in Geduld, wenn die Fluten der Trübsal Euch umschäumen. Der Fahne des Heilandes folgend, werdet Ihr von Sieg zu Sieg schreiten, werdet mit Frohlocken mit den wiederkehrenden Jahren dieses Tages denken, da Ihr zuerst mit dem Schwerte Gottes gegürtet seid, werdet in Jugendmut und Kindesreinheit erglänzen bis ins Alter, bis Ihr einst die Ehrenkrone empfangen werdet bei der letzten und größten Entscheidung. „Sie waren Dein, und Du hast sie mir gegeben und sie haben Dein Wort behalten”, spricht der Heiland im hohenpriesterlichen Gebet von den Jüngern. Ja, wollte Gott, ich könnte mit denselben Worten einst Euch vor Gottes Thron führen: Sie waren Dein und Du hast sie mir gegeben und sie haben Dein Wort behalten.

Amen.

Möge die fromme Mahnung dieses Geistlichen in den Herzen auch unserer erzgebirgischen Jugend anklingen, damit zum Palmsonntag-Glück rechter Palmsonntag-Segen komme.

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Jerusalem, die Stadt, in der Jesu von Nazareth am Palmsonntag Einzug hielt.

Erzgebirgische Heimatblätter Nr. 14 - Sonntag, den 1. April 1928, S. 1 - 2.